Der Mythos vom pflanzlichen Anteil

Seit die Rohfütterung, gern als Barfen bezeichnet, "in Mode" gekommen ist, ranken sich genau so viele Mythen wie Wahrheiten um sie. Der wohl größte und hartnäckigste Mythos in Sachen Rohfütterung ist der Mythos vom pflanzlichen Anteil in der Wolfs-/Hundenahrung.

Nachdem Wolfsforscher Ihre Beobachtungen veröffentlicht hatten, in denen sie mitteilten, dass Wölfe in der Natur auch mal Kräuter und Beeren fressen, wurde der Wolf sehr schnell vom Fleischfresser zum Allesfresser "umgebaut".

Geschäftstüchtige Menschen, die sich mit der Herstellung von Hundefutter oder mit entsprechender Beratung beschäftigen und verdingen, waren schnell dabei zum einen den pflanzlichen Anteil im industriellen Futter zu rechtfertigen und zum anderen hohe pflanzliche Anteile bei der Rohfütterung zu empfehlen. So empfehlen einige Barf-Autoren einen pflanzlichen Anteil an der Rohnahrung von bis zu 30 %, so genannten Senior-Hunden wird sogar ein Anteil von 50 % empfohlen. Diese Menschen sind es dann auch, die entsprechende Futterpläne/Barf-Pläne anbieten und sich diese teuer bezahlen lassen.

Immer wieder wird gern behauptet, der Hund habe sich im Laufe der Domestikation biologisch vom Wolf entfernt und man könne die Ernährungsgewohnheiten nicht mehr vergleichen. Ist das so?

Nein!

Bisher ging man auf der Grundlage genetischer Forschungen davon aus, dass die genetische Übereinstimmung von Grauwolf (Canis lupus) und Haushund (Canis lupus familiaris) 99,8 % betrage, es also nur einen genetischen Unterschied von 0,2 % gebe.

Im Jahr 2010 wurde dieser Wert nach Untersuchungen mit dem neuartigen Kern-DNA-Test korrigiert. Seit dem weiß man, dass sich Grauwölfe und Hunde nur zu 0,04 % voneinander unterscheiden. Aufgrund dieser Erkenntnis können wir also nun noch weitaus mehr von einer Identität des Nahrungsverhaltens und Stoffwechsels von Hund und Wolf ausgehen als bisher (siehe auch: "Die Genetik der Hunde"). Das Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz hat vor einiger Zeit eine Studie veröffentlicht, während der im Zeitraum von 2001 bis 2010 über 1.500 Wolfslosungen (Wolfskot) von in der Lausitz frei lebenden Wölfen gesammelt und auf die verschiedenen Biomasseanteile hin untersucht. Das Ergebnis ist im folgenden Diagramm zusammen gefasst:

Wolfsnahrung

Quelle: http://www.wolfsregion-lausitz.de/nahrungszusammensetzung

Der MDR berichtete am 08.03.2012 in seiner Sendung "exakt" über diese Ergebnisse. Die Zahlen im Diagramm haben wir dieser Sendung entnommen, da diese einen 2 Jahre längeren Zeitraum umfassten als im o. g. Link.

Wie überaus deutlich zu sehen ist, ist der Anteil an pflanzlichen Nahrungsbestandteilen verschwindend gering. Rechnet man nun den vorverdauten pflanzlichen Anteil aus den Därmen der Beutetiere hinzu, kommt man vielleicht auf 1 - 2 %. Man fragt sich, woher die oben genannten Empfehlungen von 30 - 50 % kommen?

Auch mit einfacher Logik kommt man zu dem selben Schluss.

Stellen wir uns die Frage, warum sich der Organismus eines Beutegreifers, der sehr viel Energie für die Nahrungsbeschaffung aufwendet, die Mühe machen sollte, den hoch aufwändigen Prozess der Umwandlung körperfremder pflanzlicher Stoffe in körpereigene tierische Stoffe, für den auch noch einige beim Hund nicht vorhandene Organe erforderlich sind, auf sich zu nehmen, wenn seine Beutetiere, die fast ausschließlich Pflanzenfresser sind, diesen Prozess schon weitestgehend erledigt haben. Es ist also alles andere als logisch, dass ein Beutegreifer einen pflanzlichen Nahrungsanteil benötigt.

Und doch braucht er ihn, den kleinen Anteil, der nachgewiesen ist, und zwar zur Ernährung seiner Darmflora, vor allem des Teils der Darmflora, der permanent vorhanden ist und der die Darm-Blut-Schranke bildet, also einen wichtigen Teil seines Abwehrsystems. Aber dazu braucht er eben nur einen winzigen Anteil, und zwar in vorverdauter Form, und nicht den halben Gemüsegarten.

Wenn Sie also mal wieder ein Hundebuch lesen oder sich auf einer solchen Internetseite tummeln, oder wenn Sie gar beabsichtigen, Ihr Frostfleisch im Internet zu kaufen, achten Sie auf den pflanzlichen Anteil, auf den Teil in Ihrem Futter, der ein Mythos ist, denn alles, was zu viel in den Hund rein kommt, muss auch wieder raus. Und da die Natur eine solche Menge an pflanzlichem Material nicht vorgesehen hat, wird der Organismus Ihres Hundes mit der Entsorgung schnell überfordert sein - und Sie wundern sich, warum es mit dem Barfen nicht klappt wie versprochen (und bezahlt!).

Frank Degenhardt und Henry Wollentin

 
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